Sammeln und Bewahren von immateriellem Kulturgut bilden einen Schwerpunkt der Sammlungstätigkeit des Museums Friedland. Das Museum sammelt und dokumentiert Lebensgeschichten seit 1945 bis in die Gegenwart. Fortlaufend werden Audio- und Video-Interviews nach dem biografischen Ansatz durchgeführt und archiviert. Die narrativen Interviews orientieren sich u.a. an Leitfragen zum Leben im Herkunftsland, den Ursachen für Migration, dem Flucht- bzw. Reiseweg und dem Prozess des Ankommens.
Das Sammeln von Lebensgeschichten wurde im Jahr 2009 vor dem Hintergrund der geplanten Eröffnung des Museums im historischen Bahnhof in Friedland initiiert. Seitdem gehören Interviews und Erzählungen zum Bestand der Sammlung und das Führen von Interviews und Aufzeichnen von Erzählungen zur Sammlungstätigkeit. Das Archiv umfasst aktuell ca. 170 Audio- bzw. Videointerviews.
Eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Gesprächspartner*innen spielen Migrationserfahrungen, der Aufenthalt im Grenzdurchgangslager Friedland sowie der inhaltliche und persönliche Bezug zum Grenzdurchgangslager. Zu den Erzähler:innen und Zeitzeug:innen gehören Flüchtlinge und Vertriebene in Folge des Zweiten Weltkrieges, ehemalige Kriegsgefangene, Displaced Persons, Zivilverschleppte, Aussiedler:innen sowie Spätaussiedler:innen, jüdische Zuwandernde aus der ehemaligen Sowjetunion, Asylsuchende und besonders schutzbedürftige Flüchtlinge.
Wenn Sie diesem Personenkreis angehören und Interesse haben, die Arbeit des Museums zu unterstützen, würden wir uns über Ihre Kontaktaufnahme (E-Mail: lebensgeschichten@museum-friedland.de, Telefon: 05504/8056 205 oder 8056 202) freuen.
Insbesondere das narrative Interview ist ein Interviewformat, das zum Erzählen einlädt. Im Vordergrund stehen Alltagserfahrungen und individuelle Perspektiven von Menschen. Die Interviewsituation schafft Raum und Zeit für persönliche Geschichten und bietet die Chance, komplexe Zusammenhänge zwischen dem Geschehen und dem eigenen Erleben zu beleuchten.
Diese Methode ist seit Mitte der 1970er-Jahre von dem deutschen Soziologen Fritz Schütze entwickelt worden, um Erzählungen von eigenen Erlebnissen zu evozieren. Seitdem wird sie in verschiedenen Disziplinen angewandt. Die Gesprächsführung erfolgt nach wissenschaftlichen Standards und erfüllt die Kriterien der Dokumentation und des vertrauensvollen Umgangs mit personenbezogenen Daten unter Berücksichtigung besonders schutzbedürftiger Personen und der Einhaltung der ethischen Grundsätze. Anschließend erfolgt eine Erschließung der Interviews nach wissenschaftlichen Standards. Bestandteile der Dokumentation sind Transkription und ggf. Übersetzung.
Im Sinne einer nachhaltigen Nutzung qualitativer Daten fungiert die Sammlung als Quelle für wissenschaftliche Recherche und Forschung. Daher verfolgt die Sammlung das Ziel einer überregionalen Vernetzung mit thematisch verwandten Sammlungen, möchte sichtbar und für wissenschaftliche Recherche und Forschungzugänglich sein.
Nicht zuletzt stellen Zeitzeug:innen einen Zugang zu möglichen Exponaten im Kontext von Migrationsgeschichte her. Die Bedeutung der Gegenstände für die Sammlung erschließt sich durch den engen Bezug zu ihren Eigentümer:innen. Die Objekte erhalten dadurch ihre eigene unverwechselbare Geschichte. Schließlich tragen persönliche Berichte und Erzählungen zur Erschließung der Sammlung bei. Zum Beispiel können die Funktionsweisen von bestimmten Objekten durch die persönliche Beschreibung anschaulich darstellt werden. Fotografische Bestände können durch genaue Beschreibung der Entstehungszusammenhänge und die Identifizierung von dargestellten Personen stärker kontextualisiert werden. Des Weiteren ergänzen Erzählungen und Berichte die historische Forschung und gewähren vertiefende Einblicke in Geschehnisse und Strukturen wie interne Abläufe im Lager oder Aufnahme- und Registrierungsvorgänge.