Entwurf Nr. 2019 Anerkennung

Verfasser: KohlmayerOberst Architekten, Stuttgart / Planungsgemeinschaft f+r Landschaftsarchitektur Markus Herthneck, Stuttgart / st studio, Stuttgart

Kurzfassung der Grundidee:

Grenz.Durchgang.Lager. Dazwischen und Nebeneinander.

Mit dem Neubau eines Besucher-, Medien-, und Dokumentationszentrums in Friedland erfährt das Grenzdurchgangslager die angemessen Aufmerksamkeit und Würdigung.

Die Auslobung erwähnt, bezugnehmend auf den möglichen Charakter des Hauses, einen theoretischen Kontext, das Dazwischen. Ein Dazwischen bedarf dem Nebeneinander.

Wir interpretieren den in der Auslobung formulierten Ansatz zur „wechselseitigen Übersetzung“ in diesem Sinne.

Der Neubau überspannt fast das gesamte Grundstück. Er definiert damit selbst eine Grenze: ein Dazwischen, die Gleisanlagen hier, das Lager dort.

Diese Grenze wird jedoch leicht überwunden, denn der Neubau ist selbst ein Durchgangsgebäude und somit eine folgerichtige Adresse auf dem Weg durch das Lager, seiner Geschichte und Schicksale.

Das Dazwischen, das Gegenüber und Nebeneinander, dokumentiert sich jedoch nicht nur in der Durchwegung, sondern auch in der Struktur des Besucherzentrums. Die Überlagerung tektonisch begründeter Bauelemente, die Schotten, Unterzüge und Reliefe im Boden einerseits und die orthogonal dazu verlaufenden Dachflächen andererseits, vernetzen die theoretsichen Komplikationen zu architektonischen, ohne dabei offensichtlich, oder didaktisch motiviert zu wirken.

Durch die Exposition über dem Niveau der Gleisanlagen werden Perspektiven möglich, die den Neubau aus der Belanglosigkeit seiner Nachbarschaften „herausheben“. Gleichzeitig blenden wir damit die Parkierungen und die Erschliessungsstrasse aus, ein wichtiges Detail, um die Bezüge aus den Ausstellungsbereichen nicht zu trivialisieren.

Überspannt wird das Dokumentationszentrum vom Rhythmus einer gefalteten Dachlandschaft. Sie prägt das Erscheinungsbild des Neubaus erkennbar.

Unter den Dächern entwickeln sich frei bespielbare Ausstellungs-, und Veranstaltungsbereiche. Der Eingang, der „Durchgangsraum“ definiert die ständige Ausstellung im nördlichen, die Wechselausstellung im südlichen Flügel. Beide enden in Terrassen, die zum Verweilen einladen und den Blick auf das Museum im Bahnhof, bzw. zur Nissenhütte freigeben.

Die Freianlagen ergänzen und unterstützen die konzeptionelle Idee des Entwurfs.

Sowohl im Süden zwischen Bahnhof und Besucherzentrum, als auch im Norden finden wir im Außenraum Verweilorte.

 

Ausstellungskonzeption

Der Auftakt wird durch das offene Foyer gebildet. Das Foyer ist zu jeder Zeit von beiden Seiten des Gebäudes begehbar.
Das Abbauen von Barrieren ist der Leitgedanke, der im Eingangsbereich zu einer offenen und funktionsübergreifenden Gestaltung führt. Der Raum ist offen, ohne räumliche Hindernisse konzipiert und bietet Einblicke in die Ausstellung sowie den Shop und die Küche.

Leitidee der Ausstellung ist die Wiedergabe des „Schwebezustands“ . Entwurzelt zu sein, keine Sicherheiten zu haben, sich an Nichts festhalten zu können und somit den Boden unter den Füßen zu verlieren wird architektonisch und gestalterisch übersetzt. 

Textilien und Schichtungen verdeutlichen das inhaltliche und gestalterische Leitthema des „Schwebezustandes“

Zentral im Bereich der Ausstellung „Lebenswege“ ist eine Weltkarte als punktuelle Leuchtinstallation in den geschliffenen Boden eingelassen. Die Installation ist sowohl atmosphärische Skulptur als auch Informationslieferant . 

Der Ausstellungsbereich „Kosmos Lager“ kann linear oder quer begangen werden – die Parzellen öffnen sich vierseitig – so wird eine lineare als auch quere Betrachtungswiese ermöglicht. Mittig, in einem der Räume, ist das Modell des Lagers Friedland positioniert. 
Der letzte Raum des Gebäudes vereint den Bereich „Erinnern“ und den Bereich „Fragen an die Zukunft“

Die Bibliothek bildet einen wichtigen Teil des Dokumentationszentrums – hier entstehen Gedanken und Ideen, die in die Ausstellung zurückgetragen werden. Zudem erzeugt die Lage der Bibliothek im Gebäude einen „Durchgangsverkehr , der sowohl auf einen Aspekt von Flucht und Zuflucht verweist als auch die Wirkung eines freien Denklabors unterstützt.

Beurteilung durch das Preisgericht:

Der Entwurf nimmt den in der Auslobung formulierten Ansatz zur „wechselseitigen Übersetzung“ auf. Er versteht sich als Grenze zwischen dem Lager und den Gleisanlagen und gleichzeitig als stetig geöffnetes Durchgangsgebäude. Dies wird vor allem durch die barrierefreien Rampen unterstrichen. Als gelungen wird in diesem Zusammenhang die Führung des Museumspfads durch das Gebäude beurteilt.

Die gestaffelte Dachlandschaft mit ihrer rhythmischen Struktur verleiht dem Ort die notwendige Signifikanz und Orientierung. Die gewählten Materialien, insbesondere die Primärkonstruktion in Stahlbeton und Stahl, verleihen dem Gebäude eine gewisse Leichtigkeit. Unter dieser klaren Struktur verbirgt sich eine frei bespielbare Ausstellungsfläche.

Kritisch wird gesehen, dass durch das Hochheben der Konstruktion niederschwellige Begegnungsmöglichkeiten zwischen Lager- und Ausstellungsgeschehen stark reduziert werden.

Dominierend ist der als Durchgangsraum und Begegnungsort konzipierte Eingangsbereich. Er teilt den Ausstellungsbereich in den südlichen Teil für Wechselausstellung und den nördlichen für die Dauerausstellung. Die Qualität des Eingangsbereichs wird durch die unterliegende Zufahrt in die Parkebene eingeschränkt.

Die Räume der südlichen Null-Ebene werden im Hinblick auf Licht und Eingriff in das Erdreich kritisch beurteilt.

Durch die Anordnung der Stellplätze in der Null-Ebene unter dem Ausstellungsbereich nehmen sie sich im Gesamtkontext angenehm zurück. Die Stellplatzfrage ist nicht befriedigend gelöst.

Die Verfasser machen nur vage Andeutungen zur Freiraumgestaltung.

Die gesamte Ausstellungsfläche befindet sich im EG. Dadurch ergibt sich zunächst eine positiv zu bewertende Durchlässigkeit nach außen, die allerdings durch die das Gebäude umfangenden dunklen Glasscheiben stark eingeschränkt wird.

Das Leitbild „Schwebezustand“ findet sich konsequent in der Ausstellungsarchitektur wieder. Schwebende Medienwände und textile Flächen ermöglichen eine flexible Ausstellungsgestaltung, die aktuellen Veränderungen angepasst werden kann und den provisorischen und fragilen Charakter des Gebäudes stützt.

Die Bereiche 1 und 4 sind zusammengefasst und verschränken so die Bereiche Erinnerung und Fragen an die Zukunft.

Die veranschlagten Kosten für die Szenografie leuchten nicht ein.

Die offene Ausstellungsstruktur und der Ansatz, Räume mit textilen Materialien zu gliedern, birgt möglicherweise akustische Probleme.

Die Wirtschaftlichkeit  ist aufgrund der Kennzahlen und Ausführungsart nicht überzeugend. Das A/V Verhältnis ist überproportional hoch. Die aufgeständerte Konstruktion trägt zu erhöhten Kosten bei

Den Erläuterungsbericht finden Sie hier.




Entwurf Nr. 2015