Entwurf Nr. 2009 3. Preis

Verfasser: Richter Musikowski GmbH, Berlin / Stefan Bernard Landschaftsarchitekten, Berlin / Schiel Projektgesellschaft mbH, Berlin


Kurzfassung der Grundidee:

Dach – Haus – Heim

Während uns die zeichenhafte Kubatur des Neubaus zunächst an vertraute kleinstädtische Bildwelten erinnert, weckt seine spartanisch-rationale Fassadensprache eher Assoziationen an Lagerbauten oder provisorische Schutzhütten.

Heimat und Fremde – zentrales Thema vieler Migrationsprozesse,  wird zum architektonischen Ausdruck des neuen Besucher-, Medien- und Dokumentationszentrums in Friedland. Die Ambivalenz seiner Erscheinung irritiert, berührt und lädt ein, sich mit diesem Thema differenziert auseinanderzusetzen.

Beurteilung durch das Preisgericht:

Fünf verschieden große giebelständige Baukörper fügen sich zu einem Gebäude zusammen. Durch deren Staffelung entsteht eine wohltuende Maßstäblichkeit, die zwischen den verschiedenen Größen der vorhandenen Bauten (historisches Bahnhofsgebäude, Lagerbauten) schön vermitteln. Die integrative Idee, die durch die Gebäudeform noch Unterstützung findet, wird zum inhaltlichen übergeordneten Programm. Trotz dieser überzeugenden kontextuellen Haltung zeigt sich das neue Museum als eigenständiger ja sogar eigenwilliger Bau, der durch die kubische Erscheinung und durch das teilweise offene Erdgeschoss seine öffentliche Bedeutung unterstreichen will. Die genaue Lage des Museums wird so ausjustiert, dass im Norden ein großzügiger Begegnungs-Freiraum (Obstgarten, Garten) entsteht, der es neben der räumlichen Verbindung auch schafft, mittels einer im Gelände angelegten barrierefreien Rampe die beiden Höhenniveaus ideal zu verknüpfen. Im südlichen Teil der Parzelle, direkt angrenzend an die vorhandene Stellplatzanlage, sind 15 Besucher- und 28 BVA-Parkplätze angeordnet. Der kurze und direkte Weg zum BVA-Gebäude ermöglicht eine gut auffindbare Adressierung. Die Gestaltung der Landschaft erfolgt in einer selbstverständlichen und unaufgeregten Art und Weise. Eine mit Fundstücken angereicherte Brache wird entlang der Bahngeleise ins flache Terrain gelegt. Die neuen Freiräume finden durch ihre parkartige Gestalt eine angemessene Verschmelzung mit dem Bahn- und dem Grenzdurchgangslagerareal. Dem als Rundweg konzipierten Besucherpfad gelingt es die einzelnen Teile (Bahnhof, Bahnbrache, Obstgarten, Garten, Park, Oberleitungsmast, Grenzdurchgangslager) zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Der Eingang zum Besucherzentrum erfolgt weder in der Mitte noch an einer Stirnseite, sondern vielmehr im, von Süden her gesehen, zweiten Gebäudetrakt. Diese auf den ersten Blick nicht plausibel erscheinende Lage begründet sich bei genauer Betrachtung durch den hangseitig noch in der Ebene gelegenen Platz. Dieser soll als Verlängerung von Eingangsfoyer und Cafeteria verstanden werden und an sonniger Stelle eine Begegnungsfläche für das Außen-Kaffee anbieten.

Durch die nördlich vom Haupteingang sich befindenden Nutzungen (Infrastruktur, Administration) kann die Idee des transparenten Erdgeschosses, welches die verschiedenen Welten durch den Museumsbau visuell und programmatisch zusammenbringen soll, nur sehr beschränkt einlösen, denn einzig dem Foyer und der Bibliothek gelingt es durch ihre offene Raumtypologie vermittelnd zu agieren. Die Ausstellungsflächen, die zusammen mit den Depoträumen im ersten und zweiten Obergeschoss angeordnet sind, ermöglichen durch die Lage der vertikalen Erschließungen, den beiden zweigeschossigen Lufträumen, den punktuellen Öffnungen in den Fassaden und vor allem auch durch ihre räumliche und geometrische Struktur eine sehr attraktive, flexible und vielfältige aber durch die Mehrgeschossigkeit auch anspruchsvolle Grundlage für die Szenografen wie auch für den Besucher. Die Bereiche 1-4 sind unabhängig voneinander und gleichermaßen in beliebiger Reihenfolge zugänglich. Eine separate Zugangs-kontrolle zur Wechselausstellung ist möglich. Die Belichtung der Räume erfolgt über wenig Naturlicht (Fenster) und viel Kunstlicht (Beleuchtungskörper). Der in den Bildern dargestellte  atmosphärische Ausdruck der Ausstellungsräume erhält durch die gewählten Farben, Materialien, Glasbrüstungen und Glaswänden eine sehr aseptisch wirkende Stimmung. Im Kontrast zum vollständig verglasten Erdgeschoss, sind die beiden Obergeschosse und die geneigten Dachflächen in einem Aluminium-Trapezblech-Kleid verhüllt. Dem Material gelingt trotz einem industriellen und ortsfremden Charakter über die reflektierende Oberfläche eine ortsspezifische Versöhnung. Durch den Glanz der Oberfläche verändert sich das Gebäude ständig. Je nach Tageszeit und Witterung reflektiert die Fassade die rauhe Landschaft in immer einer anderen Lichtintensität und Farbe. Die Umgebung wird Teil des Gebäudes und umgekehrt das Gebäude Teil der Umgebung. Das scheinbar nicht Einfügbare fügt sich wahrnehmbar ein.

Die Gliederung in 5 Häuser strukturiert den Innenraum und schafft profilierte Ausstellungsflächen mit unterschiedlichen Kubaturen. Damit kann auf zusätzliche strukturierende Zwischenwände weitgehend verzichtet werden. Dies verleiht den Räumen eine Ungezwungenheit und einen klaren Fluss. Die minimalistische Ausstellungsarchitektur nimmt sich insgesamt zurück und stellt die Exponate und Informationen in den Vordergrund.

Die vorgeschlagenen Ausstellungselemente reagieren auf die Kubatur und ermöglichen somit vielschichtige Blickbeziehungen und Perspektiven, in die auch gerichtetes Tageslicht einbezogen wird. Eine gute Wegführung verbindet die Themen 1 und 3-4 zum Rundgang, ein vierter Bereich  hingegen befindet sich in einem gefangenen Raum. Dies ermöglicht es, Themen stärker zu choreografieren.

Für die Szenografie gälte es, interaktive Elemente zugunsten von partizipativen zu reduzieren.

Nahezu alle Rahmenbedingungen sind eingehalten worden. Die wenigen Abweichungen bzw. Verstöße werden von der Vorprüfung bzw. vom Preisgericht als unkritisch angesehen. Die kompakte Form und die einfache Gebäudestruktur lässt eine gute Wirtschaftlichkeit vermuten.

Zusammenfassend darf festgehalten werden, dass der Projektvorschlag einen interessanten Beitrag zur gestellten Aufgabe leistet. Die ortsbaulichen, architektonischen und funktionalen Qualitäten bleiben unbestrittenen, der Ausdruck des Museums vor allem im Innern wie zum Teil auch im Äußeren ist jedoch  umstritten.

Den Erläuterungsbericht finden Sie hier.


Entwurf Nr. 2008 Entwurf Nr. 2015