Am 7. Oktober 1955 kamen die ersten „Spätheimkehrer“ im Grenzdurchgangslager Friedland an, im Januar 1956 – vor 70 Jahren – die letzten.
Nach Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion einigte man sich auf die Rückführung der letzten 10.000 deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten, nachdem Bundeskanzler Adenauer im September 1955 nach Moskau gereist war. Etwa Hunderttausend deutsche Soldaten waren in Sowjetischer Gefangenschaft gestorben, während über eine Million als vermisst galt.[1] Von der Presse wurde die Ankunft der am 9. Oktober eingetroffenen „Heimkehrer“ als der eigentliche Beginn der Rückkehraktion verbreitet. Die Ankunft in Friedland und Herleshausen fand medial einen großen Anklang.
Am Montag, dem 10. Oktober berichtete die 1946 gegründete „Neue Ruhr Zeitung“ über das Ereignis mit der Überschrift „Tausende jubelten 603 Heimkehrern zu“. Weiter heißt es „[u]nter dem Geläut der Freiheitsglocke traf gestern um 14 Uhr im Lager Friedland der erste Großtransport mit Heimkehrern aus der Sowjetunion ein.“ Zwar inszeniert der Artikel die Ankunft in Friedland als freudiges Ereignis, gleichzeitig aber wird betont, dass viele Menschen vergebens auf die Rückkehr ihrer vermissten Angehörigen warteten. Einige medial auch andernorts verbreite Fotos illustrieren den Zeitungsartikel. Die Verdrängung deutscher Verbrechen im Zweiten Weltkrieg war in der deutschen Gesellschaft zu dieser Zeit weit verbreitet. Vor diesem Hintergrund fand die Ankunft der „Zehntausend“ eine positive und meist unkritische Reaktion.
Es dauerte noch bis zum Frühjahr 1956, bis die Rückführung offiziell abgeschlossen war. Die mediale Aufmerksamkeit ließ allerdings schnell nach. Es interessierte weder, dass ein erheblicher Anteil der „Heimkehrer“ der SS angehörten und tatsächlich Kriegsverbrechen begangen hatten, noch, dass viele der ehemaligen Kriegsgefangenen große Probleme hatten, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen und traumatisiert waren.
Die Ausgabe der „Neue Ruhr Zeitung“ stammt aus der Sammlung eines ehemaligen deutschen Soldaten, der nach den Kämpfen um Stalingrad 1942/43 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet. Dieser kam am 9. Oktober 1955 nach seiner Freilassung aus der Kriegsgefangenschaft in Friedland an und war nach seiner Rückkehr im Bund ehemaliger Stalingradkämpfer tätig. Über die Nachfahren gelangt die Zeitung, die vermutlich von ihm gesammelt wurde, zusammen mit einigen weiteren Objekten ins Museum Friedland.
Das Museum Friedland sammelt materielles und immaterielles Kulturgut mit den thematischen Schwerpunkten Flucht, Vertreibung, Migration von 1945 bis in die Gegenwart und Erinnerungskultur.
[1] Erhard Schütz, „Spätheimkehrer“. Mediale Reflexe zum Mythos von Adenauers Moskau-Reise, in: Elena Agazzi / Erhard Schütz (Hg.), Heimkehr: Eine zentrale Kategorie der Nachkriegszeit. Geschichte, Literatur und Medien (Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient, Bd. 23), Berlin 2010, S. 95–115, hier S. 99.