Wilhelm Wagener, genannt „Onkel Willi“ mit Ehefrau, 1960er-Jahre; Foto: Privat
Eine Begegnung, die sich kürzlich ereignete, nehmen wir zum Anlass, um von Neuigkeiten aus dem Bereich Sammlung und Zeitzeugenarchiv zu berichten.
Zum Jahresende haben wir eine Weihnachtszeitung von 1945 vorgestellt, die hier im Lager Friedland erstellt wurde. Der Autor der Zeitung wird nicht namentlich erwähnt, lediglich das Kürzel „WW“ könnte ein Hinweis auf die Autorschaft sein.
Seine Urheberschaft muss aber im Leserkreis bekannt gewesen sein. Inhalt und Stil der verfassten Texte setzen eine gute Kenntnis der Mitarbeitenden und der Zustände im Lager voraus. Auch wenn an verschiedenen Stellen die „Schriftleitung“ oder die „Lagerleitung“ erwähnt wird, war der damalige Lagerleiter Johannes Erasmus (20.9.45 – 29.1.46) wahrscheinlich nicht ihr Verfasser.
Nun wurde eine Museumsbesucherin auf diese Lagerzeitung aufmerksam und erzählte uns von ihrem Großvater Wilhelm Wagener, der von 1946 bis 1963 im Lager Friedland beschäftigt war, zunächst als „Personalratschef“, dann in der Registratur und später als Einkäufer für die Lebensmittel in der Küche. Wie heute auch gab es eine Küche für die im Lager Friedland Ankommenden und die Mitarbeitenden. Für die großen Einkäufe stand ein Fahrzeug, dessen Fahrer ein gewisser Herr Dehne war, zur Verfügung. Der Wagen wurde auch zur Personenbeförderung genutzt. Laut mündlicher Überlieferung verhandelte Wilhelm Wagener die Lebensmittelpreise mit den jeweiligen Verkäufern. Zu seinem engeren Bekanntenkreis aus dem Lagerumfeld gehörten die Lagerpfarrer Krahe und Lippert. Zur Verabschiedung in den Ruhestand bekam Wilhelm Wagener das Miniaturmodell der Friedlandglocke mit einer Widmung und die kleine Bronzestatuette des Heimkehrers nach dem Vorbild der kolossalen Statue von Fritz Theilmann geschenkt. Wilhelm Wagener, genannt „Onkel Willi“, schätzte die beiden Geschenke und sie bekamen einen Ehrenplatz bei ihm zu Hause. Allerdings erzählte er nie recht viel aus seiner Zeit in Friedland. Trotzdem sind einige wenige Details aus der Familienerzählung überliefert, z. B. dass die Essensvorräte in einer Nissenhütte gelagert wurden. Es soll auch eine Kiste gegeben haben mit der Aufschrift „Mir auch“. Dort konnten Mitarbeitende ihren Namen hinterlegen, wenn sie an bestimmten Warenangeboten interessiert waren. Die unten aufgeführte Fotografie zeigt Wilhelm Wagener zusammen mit seiner Ehefrau. Die Aufnahme stammt aus den 1960er Jahren. Ob er da schon im Ruhestand war, lässt sich nicht genau sagen. Jedenfalls ist es dem Fotografen gelungen, ihn so abzulichten, wie ihn seine Enkel in Erinnerung haben: stehts freundlich aufgelegt, gut gelaunt und herzlich. Diese Beschreibung passt zum humoristischen Schreibstil der Weihnachtszeitung. Vielleicht handelt es sich tatsächlich bei dem geheimnisvollen Autor mit den Initialen „WW“ um eben diesen Wilhelm Wagener. Jedenfalls gewährt uns diese Erzählung wieder weitere Einblicke in den Alltag des Lagers in seinen Anfängen. Unser Dank gilt der aufmerksamen Besucherin, die diese Geschichte mit uns teilte.